Von Kurzgeschichten zum Drehbuch
Wir sind schon wieder fleißig an unserem nächsten Stück am Arbeiten. Es wird das Ergebnis der vorausgegangenen Schreibwettbewerb. Thomas Strolz hat aus den besten 6 Kurzgeschichten eine große gemacht und in Form eines Drehbuchs niedergeschrieben. Nach langer Auswertung und Besprechung haben wir uns aus den über 100 eingesendeten Geschichten für folgende Geschichten entschieden:
Aufstand der Minestrone - Christian Klotz
Die Szene spielt in einem Aufstellpool, der einen Kochtopf simuliert. Eventuell Blubbergeräusche im Hintergrund, die das Kochen der Suppe simulieren. Das Gemüse hat einen leichten italienischen Akzent.
Aubergine Ich weiß eigentlich nicht, warum ich hier bin. Und soweit ich das gecheckt habe, ist der Zeitpunkt für meinen Auftritt viel zu früh. Typisch Amateur, aber was will man in Zeiten des Personalmangels auch verlangen. Mein Cousin war einmal im asiatischen Bereich tätig und da haben die einen Zinnober um den gemacht, sensationell. In Watte gepackt, langsames gewöhnen bei Raumtemperatur, damit er nicht ins Schwitzen kommt und vor Schreck bitter wird.
Dabei ist dessen innerer Wert eh immer gatschig, egal wie man ihn behandelt. Der wurde auch ganz schön hochnäsig. Meinte er sei was Besseres wegen dem Gschass um ihn – enttäuscht hat er geschmacklich dann trotzdem und geschoben haben die das dann auf den Koch, der erst 7 Jahre seiner Ausbildung hinter sich hatte…. Quasi ein Frischling.
Lauch Jetzt lass mal nicht den Depri raushängen, sonst ziehst du den einen oder anderen noch mit in die Verweichlichung. Du bist jetzt halt das Ersatzgemüse, also find dich ab und mach das Beste daraus – schmollen bringt nur schlechten Geschmack und den kann ich nicht gebrauchen. Ich finde es toll, dass du da bist.
Aubergine Warum? Weil ich dann der Grund fürs Misslingen bin?
Lauch Weil tu eine tolle neue Farbe ins Spiel bringst – hatten wir noch nie. Immer nur grün, weiß, Beige und halt Rot. Ich find deinen dunklen Gothic -Luck erfrischend, aber deine Laune passt nur zur dunklen Seite der Aubergine – im Inneren sollst du ja einen sehr weichen Kern haben, hört man.
Kontrast halt!!
Aubergine Der sogenannte weiche Kern hat nicht lange Bestand.
Zucchini Warum? – Sorry, wenn ich mich in euer Gespräch einmische, aber ich musste zwangsläufig zuhören:Harte Schale, Weicher Kern. Ähnlich wie bei mir, halt nur feste Schale fester Kern … und der wird oft einfach rausgekratzt.
Aubergine Ich denke, da unterscheiden wir uns schon massiv. Mein weicher Kern, in dem ich mittels kleinster eingelagerter Spitzfindigkeiten, auch Kerne genannt, die eine oder andere satirische Meldung abgelagert und versteckt habe, haltet es nicht lange an der frischen Luft aus- Die Kerne langweilen sich und machen auch keinen Heel daraus, schließlich kann die Stimmungsschwankung auch optisch nicht verläugnet werden. Sie werden braun und unansehnlich, weil sie halt die Öffentlichkeit scheuen und ihre Privatsphäre beibehalten wollen.
Zwiebel Nun ja da hast du einen entscheidenden Vorteil.
Aubergine Und der der wäre?
Zwiebel Sobald man dich geschnitten hat, ist es zu spät. Deine coole dunkle Außenoptik zieht an und wenn das Innere vorkommt, nimmt der innere Wandel Fahrt auf. Es sei denn, die Macht der Zitrusfrucht wird angewandt. Die soll dich ja, so hört man, in Schach halten,
Aubergine Blödsinn! Die Zitronen nehmen sich einfach zu wichtig.
Kartoffel Ach dann ist dieser Mythos gar nicht wahr? Denn davon hab ich auch schon gehört.
Aubergine (zur Kartoffel)Jetzt hör dir die an! Wer im Glashaus sitzt!!!! Machst ja selbst keinen guten Eindruck, wenn man nach dem Entkleiden deines Bademantels die Zeit übersehen hat und du zu lange im Freien chillst. Ist ja nicht immer Sonnenbrand, was da an der Oberfläche sichtbar wird. Hilft dir da nicht auch die magische Kraft der Zitrone?
Kartoffel Oh eine Schlaubergine. Aber sei doch nicht lächerlich – wir passen schon so überhaupt nicht zusammen. Ich bin eher an herben Beziehungen interessiert. Aber sagt jetzt endlich! Lass dir nicht alles aus der Nase ziehen! Hilft dir die Zitrone gegen deine optischen Stimmungsschwankungen?
Aubergine Ja, ja ist schon gut.
Es beruhigt mich bzw. mein Inneres schon sehr. Weiß auch nicht warum, aber es ist, also ob es den Alterungsprozess verhindert, sieht man ja jeden Tag im Fernseher. Die ganzen Modells die vom würdevollen Altern erzählen und selbst sind sie faltenfrei (noch mit über 50!!!)
Zwiebel Hee, was haben wir denn da? Ein sensibles Gemüse? Dann bin ich nicht der einzige Romantiker in dieser Runde.
Stangensellerie (Laut lachend)Der Witz des Tages. Seit wann bist du denn ein Romantiker. Nur weil du die Leute zu „Tränen“ rührst, hast du noch lange keine zarte Seite.
Weiße Zwiebel Du scheinst in deiner Kindheit einen schlechten Umgang gehabt zu haben und damit dubiosen Gestalten in Kontakt gekommen zu sein? Verwechsle mich nicht mit meinen farblosen Brüdern, den Gelben, die sind scharf und lassen keine Grade vor Recht ergehen. Die kenne nur eines, Pein und Schmerzen. Die Gang ist echt eine Belastung in unserer Familie. Meine Schwester, die Rote Zwiebel – die würde auch gut in die Runde passen und die hat so etwas Verbindendes. Die konnte zwischen der Aubergine und dem blassen Rest gut vermitteln.
Tomate Nein danke! Wir haben hier keine Lösegeldforderungs-Situation, bei der ein Unterhändler benötigt wird.
Für die Farbe bin schon immer noch ich zuständig.
Zwiebel Ach jetzt kommt die Leier schon wieder. Hätt ich mich doch für die französische Zwiebelsuppe beworben, dann wäre ich die Hauptdarstellerin.
Kartoffel Pfui Teufel! Mit diesem angesoffenen Brot rumhängen und dann noch der Käse, der meint er muss alles zusammenhalten. Ich hasse Gruppenzwang
Karotte (zur Kartoffel)Ääh, hast du nicht selbst eine „bindende“ Funktion? Wieso willst du denn jetzt den Einzelgänger spielen?
Kartoffel Will ich gar nicht, aber diese ständige „Überwachung“ oder besser gesagt „Überbackung“ seitens des Käses ging mir echt auf den Geist und kaum hast du eine Lücke gefunden, schon setzt sich das labbrige Brot dazwischen. Du wirst nie trocken!!! Und als ob das nicht schon genug wäre, überlagert der sch…. Käse alles, wie in einem kommunistischen Überwachungsstaat.
Zwiebel Sorry, wenn ich hier den Großkotz rauslasse, aber was hat eine Kartoffel in einer französischen Zwiebelsuppe verloren? Ich glaub du phantasierst wohl. Das hättest du wohl gerne – über eine gebundene Kartoffelsuppe bist du sicher noch nie hinausgekommen. Kartoffel, bleib bei deinen Leisten!
Kartoffel Ich muss nicht in einer Zwiebelsuppe gewesen sein, um das beurteilen zu können. Ich hab schon viel gesehen und wenn du es genau wissen willst, hatte ich mal eine Beziehung mit einem Schmelzkäse. Die Mutter eines Schulfreundes hat uns da mal verkuppelt. War aber nur ein Blind Date in einem Kartoffelgratin, da bin ich dann abgehauen – das ganze wurde mir zu heiß.
Zucchini Wieso wollen alle immer nur weg – ich find’s toll hier. Eine mit der Aubergine nun fast vollständige Vielfalt, unterschiedliche Einstellungen zum harten oder weichen Kern. Apropos hart. Hat jemand die Nudeln gesehen? Die sollten doch schon längst hier sein, sonst sind sie wieder mehr als bissfest und ich habe mir schon einmal blaue Flecken geholt, bei einem Bodycheck beim Hineinschütten in den Teller -das waren echt harte Jungs.
Stangesellerie Soweit ich weiß, nehmen die an einem Erasmusprogramm teil, irgendwie Austauschschüler oder so.
Tomate Bitte nicht aus dem Asiatischen Viertel, dann kommen sicher wieder die Glasnudeltanten angeflogen und lächeln uns zu tote. Keinen Halt und keinen Geschmack, echter Horror. Mein Freund war da mal in eine dubiose Geschichte verwickelt.
Studenten hatten vergessen, dass das Abendessen auch bedingt, dass man Lebensmittel zu Hause hat. Entweder haben die die dann die Reste von den Vortagen aus den diversen Take-Away Lieferungen verwendet und mit einer Fertigtomatensauce (das Einzige, was da Tomate war, ist die Farbe Tomatenrot) übergossen und es dann Fastfood-Spaghetti mit Tomatensauce genannt. Und weil die vorher immer beim Chinesen bestellt haben, waren natürlich unzählige Glasnudeln dabei und den Rest könnt ihr euch denken…Pfui!!!
Karotte Vielen Dank auch, dass ich jetzt diese Bilder aus meinem Kopf nie mehr rauskriege
Da werde ich doch lieber Babynahrung und nur zu 10% gegessen – im Biomüll soll es ja auch ganz nett sein. Zumindest die erste Zeit. 😊
Stangensellerie Puh, mir reichts jetzt. Die weichliche Stimmung wird schön langsam nicht mehr auszuhalten. Ich check aus und versuche in irgendeinem Smoothie unterzukommen. Tschüssle!!
Es läutet - Margit Plattner
(ein Dialog)
Es läutet.
Fritz macht auf.
Ja bitte?
Ein Kind, schon wieder ein Kind, noch dazu ein höfliches, grässlich, denkt er. Warum machen immer Kinder die Türe auf? Das ist eigentlich sehr verantwortungslos von den Eltern. Da könnte ja Weissgottwer läuten, das Kind kidnappen, Lösegeld, das die Eltern gar nicht haben, verlangen, die dann einen Kredit aufnehmen müssten, der sie lebenslang verschuldet und sie deshalb ihrem Kind keine gute Ausbildung zukommen lassen können, wobei ja jeder weiss, dass null Bildung fast immer in schräge Kreise führt und irgendwann ist die Polizei schneller und das traurige Schicksal nimmt seinen Lauf. Ist deine Mutter zuhause?
Warum?
Weil ich ihr was zeigen möchte.
Was denn ?
Dazu muss man erwachsen sein.
Maamaa, du sollst kommen, aber nur, wenn du erwachsen bist.
Die Mutter von Fritz schüttelt den Kopf und geht zur Tür.
Ja bitte, fragt sie.
Gestatten, mein Name ist Adelbert Nerv-Töter. Töter mit ö und hartem t. Meine Frau hat auf den Doppelnamen bestanden, obwohl ich der Meinung bin, dass Edeltrude – meine Frau, froh hätte sein müssen, ihren scheußlichen Namen los zu sein. Aber was tut sie? Sie verlangt von mir, wenn ich sie liebe, dann muss ich auch ihren Namen schön finden.
Das tut mir leid. Äh, nein, das tut mir nicht leid, ach was. Sie verwirren mich, was wollen sie ?
Dürfte ich eintreten? Es redet sich leichter im Sitzen.
Wieso im Sitzen? Hören sie Herr …
Gestatten Adelbert Nerv-Töter. Töter mit ö und…
hartem t, ja ich weiss. Was wollen sie ?
Könnte ich vielleicht ein Glas Wasser haben? Heute ist der Tag so warm geworden, obwohl der Wetteransager im Radio Stein und Pein geschworen hat, dass es regnen wird. Darum hab ich auch dieses Sakko angezogen, obwohl Edeltrude, meine Frau, meinte, man könnte den Wettervorhersagen überhaupt nicht mehr trauen. Es stimmt einfach nix mehr. Vor 5 Tagen war im Radio beim Wetterbericht die Rede von Sonnenschein und blauem Himmel. Meine Edeltrude hatte in der Stadt was zu erledigen und entschied sich darauf hin für ihr leichtes Sommerkleidchen. Was soll ich ihnen sagen, geregnet hat es, zuerst nur leicht, aber dann begann es zu schütten, der Gewitterwind brauste, es blitzte und donnerte. Meine liebe Edeltrude wurde patschnass und ist ihren fürchterlichen Schnupfen bis heute nicht losgeworden. Na, ja heute eben hat der Wetterbericht wieder nicht gestimmt, ich bin zu warm angezogen und schwitze. Dürfte ich bitte hereinkommen und mich setzen, mein Kreislauf.
Gut Herr Nerv. Jaja Nerv-Töter, ich weiß, kommen sie meinetwegen herein und setzen sie sich einen Moment.
Und dürfte ich um ein Glas Wasser bitten?
Ja, ein Glas Wasser, sofort.
Oh, vielen Dank, oh das tut gut, danke vielmals. Ich bemerke am Geschmack, sie kaufen Mineralwasser. Ich sage ja immer zu meiner lieben Frau, Edeltrude sag ich, kauf doch mal ein Mineralwasser. Das trinkt sich irgendwie leichter, um nicht zu sagen flüssiger. Aber meine Frau meint, solange wir so gutes, bekömmliches Leitungswasser direkt aus dem Hahn haben, kann sie es nicht vertreten, ein Mineralwasser um teures Geld zu kaufen. Denk an die armen Leute in Afrika, sagt sie, die haben kein gutes Wasser, direkt aus dem Hahn. Die gehen kilometerweit zu einer Pfütze irgendwo und schleppen schmutziges Wasser nach Hause. Oh, wie haben wir es doch gut, sagt meine liebe Frau.
Herr Nerv-Töter mit ö und hartem t, sie sitzen gut, sie haben ein Glas Wasser, ich kenne die Ansichten ihrer lieben Frau zum Wetter und zum Kauf von Mineralwasser, ich bitte sie , warum haben sie bei mir geläutet.
Ja, natürlich, entschuldigen sie, der Grund meines Besuches ist…. Würde es ihnen etwas ausmachen, wenn ich mir kurz meinen Schuh ausziehe?
Warum?
Wissen sie, ein Überbein am rechten großen Zeh, sehr schmerzhafte Angelegenheit. Ich wache in der Früh auf und es ist da.
Aus dem Nichts, ohne Vorwarnung, einfach da. Was soll ich ihnen sagen, da hat eine Behandlung die andere abgelöst. Und was hat es mir gebracht, nichts, absolut nichts. Meine liebe Frau Edeltrude hat ja ganz recht gehabt. Sie wusste es gleich. Das bringt nichts, wenn du Magenbitter trinkst, sagte sie und es wird auch nichts bringen, wenn du dein Knie mit dieser Stinkesalbe einreibst. Was sind das bloß für Ärzte. Aber ich habe nicht auf sie gehört und jedes Rezept genau befolgt. Was hab ich davon, es tut genau so weh wie vorher. Ich rate ihnen, wenn sie ein Überbein an sich bemerken, sparen sie sich den Doktor, die können es nicht heilen, es bleibt. Wollen sie es sehen?
Nein, nein, danke, behalten sie bitte ihren Socken an. Es tut mir leid, dass ihnen nicht geholfen wurde.
Oh nein, so kann man das nicht sagen – könnte ich bitte noch ein Glas Mineralwasser haben? Der Magenbitter, der mir verschrieben wurde, hat sehr gut geholfen – mein Magen ist seitdem viel entspannter.
Herr Nerv-Töter, was wollen sie, warum haben sie geläutet?
Ja, so, der Grund meines Kommens – sie werden erfreut sein, wenn ich ihnen sage, warum ich hier bin. Denken sie an mein Wasser? Mein Gaumen – sehr trocken.
Nein, kein Wasser, nicht einen Tropfen, wieso soll ich erfreut sein, was wollen sie?
Herr Nerv-Töter öffnet beleidigt seine Aktentasche.
Ein wunderbares , um nicht zu sagen epochales Hilfsmittel für ein organisiertes, durchgeplantes Leben einer so viel beschäftigten Frau wie sie, wollte, ja wollte ich ihnen anbieten. Aber ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich nicht gehen soll. Meine liebe Frau Edeltrude – sie hat meine überragende Menschenkenntnis sofort erkannt – sagt immer zu mir – Adelbert, wenn die Leute deine Genialität nicht auf Anhieb erkennen, lass sie, geh, wenn du sitzt steh auf und geh – sie haben es nicht besser verdient. Mein Gaumen – dürfte ich um ein….
Was, was – zum Letzten mal – was wollen sie ?
Aber liebe Frau – ich will doch nichts – ich bringe ihnen etwas.
Waaaas ?
Das da.
Ein Kalender ? Mitten im August ? Aber das ist doch – ein Kalender vom Vorjahr ? Raus. Raus sofort. Raus, raus, raus.
Aber gnädige Frau, das ist doch das geniale. Wer weiß schon vom Vorjahr noch wer, wann, wo Geburtstag hatte, wann voriges Jahr der Arzttermin zur Warzenentfernung war. Wenn z.B. die Warze wiedergekommen ist, wie soll man den Arzt klagen, wenn man das Datum nicht mehr weiß.
Herr Nerv…. Nerv…
Nerv-Töter
Ja, ja ich weiß mit ö und t, gehen sie wenn ich einen kaufe? Was um alles in der Welt kostet ihr Kalender vom Vorjahr?
Äh, hmm, das weiß ich gar nicht.
Wieso wissen sie das nicht?
Das hat mich noch niemand gefragt.
Ich bin's dein Erlöser - Harald Klingler
Da liegst du nun vor mir und starrst mich aus deinen dunklen Augen an. Hab keine Angst, ich werde dich jetzt erschlagen, denn ich bin’s, dein Erlöser …
Wir sitzen auf der Terrasse und meine Frau blickt in den Garten hinunter, wo sie den schwarzen Nachbarskater Edding beobachtet, der seinen Namen dem gleichnamigen Stift verdankt. “Verdammt, der Edding quält gerade ein verletztes Eichhörnchen”, flucht sie und eilt in den Garten. Ich folge ihr und tatsächlich, das Eichhörnchen schaut sehr mitgenommen aus, bei einem Bein sieht man schon Maden im Fleisch krabbeln.
“Araldo, du musst das arme Tier erlösen!”, fordert sie mich auf und verschwindet dann, weil sie das nicht mitansehen könne. Na super. Wie stelle ich das nun am besten an? Schusswaffe besitze ich keine, das Tier zu ertränken erscheint mir zu qualvoll. Erinnerungen tauchen auf. Als Kinder freuten wir uns über die Hasen, die mein Vater züchtete, bis der Tag X kam, dann gab es am Sonntag den Gustl, den wir die letzten Monate gefüttert und gestreichelt hatten. In leckerer Soße mit Kartoffeln.
Bei der Hinrichtung der Hühner taten wir uns leichter, weil diese sich nicht streicheln ließen und keine Namen hatten. Vater holte am Schlachttag die panisch gackernden Tiere nacheinander aus dem Käfig, fixierte sie mit der linken Hand auf dem Hackstock und schon sauste das todbringende Beil nieder – ich stand blutbespritzt daneben und hielt einen Deckel in der Hand, den ich dann auf eine Tonne drückte, in der das wild flatternde, kopflose Huhn landete, bis seine Kräfte erlahmten und es nur noch leicht zuckte. “Ausgeistern” nannten wir das damals. Die abgeschlagenen Hühnerköpfe neben dem Hackstock schauten mir dabei aus großen Augen und mit offenem Schnabel zu.
Diese Erinnerungen tauchen auf, während ich ratlos im Garten stehe und überlege, wie ich das Eichhörnchen töten soll. Bei den Hasen hat es Vater mit einer Eisenstange gemacht, er hat damit auf das Genick der Hasen geschlagen und dann mit einem Messer die Kehle durchschnitten. Dann hat er den zappelnden Hasen gehalten, bis er ruhig in seinen Händen lag.
Das mit der Eisenstange geht, ich muss nur so fest draufschlagen, dass das Tier gleich tot ist, ich will es nicht quälen. In der Werkstatt suche ich nach einer geeigneten Eisenstange, sie darf nicht zu schwer sein und sie muss gut in der Hand liegen. Mit dem Mordinstrument schreite ich wieder in den Garten, habe jedoch ein flaues Gefühl im Magen.
Da liegst du nun vor mir und starrst mich aus deinen dunklen Augen an. Hab keine Angst, ich werde dich jetzt erschlagen, denn ich bin’s, dein Erlöser …
Es tut mir leid, Eichhörnchen, ich will es nicht, aber ich muss es tun. Es dauert nicht lange, ehrlich, ich versuche es schnell zu machen, ich verspreche es dir. Wie du mich anschaust, das macht mich fertig. Kannst du nicht endlich die Augen schließen?
Ich hebe mittlerweile wohl zum zehnten Mal den zitternden Arm und hole tief Luft …
Komische Eltern - Bettina Strolz
SZENE 1
Zwei Kinder A B, Geschwister
Kind A allein, tippelt herum, ungeduldig, verklemmt, es wird schnell klar, dass es dringend auf die Toilette muss. Sieht Topfpflanze, nähert sich, zögert. (Publikum soll verstehen, dass es sich überlegt, in die Topfpflanze zu pinkeln.)
Kind B tritt auf, kurz bevor Kind A wirklich in die Pflanze pinkelt. Kind A steht nah bei der Pflanze, vlt schon beim Hose-Öffnen
Kind B: Ähm … was machst du da?
Kind A: erschrickt, (macht evtl. schnell Hose zu/zieht hoch), peinlich berührt, frustriert. Nach was sieht es denn aus? Ich. Muss. Pinkeln. Beginnt wieder herumzutippeln.
Kind B: Na dann geh doch aufs Klo.
Kind A: Geht nicht.
Kind B: Warum denn nicht?
Kind A: Weil Mama sich im Bad eingesperrt hat.
Kind B: Schon wieder?
Kind A: Mhm.
Kind B: Dann klopf doch.
Kind A: Hab ich schon.
Kind B: Und?
Kind A: demonstrativ verkrampft, nervös herumzappelnd, weil es so dringend aufs Klo muss
Es – hat – nicht – funktioniert.
Kind B: Oh … aber, hat sie was gesagt?
Kind A: Ja.
Kind B: Und was?
Kind A: verstellt die Stimme, macht Mama nach Ich komm‘ gleich!
Kind B: Und wann war das?
Kind A: Keine Ahnung. Noch nicht so lange her, eigentlich. Aber lange genug. Beginnt wieder herumzuhampeln. Ich. Muss. Pinkeln.
Kind B: Ich weiß. Das sagtest du schon.
Kind A schnaubt genervt
Kind B: Soll ich mal klopfen gehen?
Kind A: Nö, lass nur. Nicht, dass sie dann noch länger braucht.
Kind B: Na gut. Aber… wir könnten durchs Fenster schauen.
Kind A: Wozu?
Kind B: Na, um zu sehen, wie lange sie noch braucht. Wir gehen einfach in den Garten, du
hebst mich auf deine Schultern, und dann wissen wir, was sie so lange tut.
Kind A: Meinst du wirklich?
Kind B: Ja klar.
Kind A: Sie wird uns schimpfen, wenn wir einfach so in den Garten gehen, ohne sie zu fragen.
Kind B: Solange sie im Bad ist, kann sie uns nicht schimpfen.
Kind A zögert
Kind B: Sie kann uns nicht mal sehen. Sie wird es nicht merken.
Kind A zögert immer noch, muss immer noch dringend pinkeln
Kind B: Und noch dazu kannst du im Garten wirklich an eine Pflanze pinkeln, wenn du e nicht mehr aushältst.
Kind A: Überredet, lass uns geh‘n! Nimmt Kind B bei der Hand, zieht es nach draußen
SZENE 2
Zwei Kinder A B, Geschwister, Kind B auf Schultern (o.ä.) von Kind A, späht durchs Badezimmerfenster
Kind A: flüstert Und? Was siehst du?
Kind B: Nicht viel.
Kind A: Was macht Mama?
Kind B: Ich glaube, sie schaut sich im Spiegel an.
Kind A: Sobald sie sich der Tür nähert, müssen wir sofort wieder rein laufen, vergiss das nicht.
Kind B: Weiß ich doch. Aber es sieht nicht so aus, als würde sie bald rausgehen.
Kind A: Was macht sie?
Kind B: Nicht viel. Sie sitzt am Rand der Badewanne.
Kind A: Und schaut sich im Spiegel an?
Kind B: Mhm.
Kind A: Siehst du ihr Gesicht? Sieht sie traurig aus?
Kind B: Nö, eher kritisch.
Kind A: Kritisch? Wie kann man kritisch schauen?
Kind B: Ich glaube, sie spricht mit sich selbst.
Kind A: Und was sagt sie?
Kind B: Pssst! Lauscht angestrengt/hält Ohr näher ans Fenster Beide lauschen gespannt, Kind B schaut schockiert, deutet Kind A, dass es von seinen Schultern runter will, rutscht/klettert zu Boden
Kind A: immer noch flüsternd, neugierig Hast du was verstehen können?
Kind B: Nein, aber sie hat geschimpft.
Kind A: Mit sich selbst?
Kind B: Ja, ihre Stimme klang so streng wie neulich, als sie dich mit der Schokolade im Bett erwischt hat.
Kind A: verzieht gequält das Gesicht Uhhh. So streng?
Kind B: verzieht auch das Gesicht. Mhm.
Kind A: Ich hab gar nicht gewusst, dass Mama auch mit sich selbst schimpft.
Kind B: Ich auch nicht. Aber vielleicht müssen Mamas mit sich selbst schimpfen. Oma wohnt ja nicht hier, um das zu machen. (beide gehen ab, schneller Wechsel auf Szene 3, Mama der beiden im Bad)
SZENE 3
Mama der beiden im Bad vorm Spiegel
Mama: wütend, spricht mit sich selbst Jetzt reiß dich mal zusammen. Reiß dich zusammen, Selina! So kann das nicht weitergehen! Bemüht ruhiger, versucht, sich selbst zu überzeugen Das, was du da durchziehen willst, ist kein Weltuntergang. Peter wird es überleben, die Kinder werden es überleben, und DU wirst es erst recht überleben. Du wirst sehen! Pause. Ruhig, fast flehend Und jetzt gehst du da raus. Geh raus und stell dich ihnen. Ganz ruhig. Es wird nicht besser ausgehen, wenn du durchdrehst. Pause. Schaut ihrem Spiegelbild in die Augen. Peter wird es verstehen. Du schaffst das.
Pause. Zu sich selbst: Ich schaff das. Geht auf die Tür zu, zögert, bleibt stehen.
Wütend. Nein! Verdammt, ich schaff es eben nicht!
(Mama bleibt im Bad, geht – daher nicht durch die Badezimmertür – ab)
SZENE 4
Zwei Kinder A B, Geschwister, in der Küche, auf der Anrichte steht ein Blumenstrauß
Kind A betritt den Raum, ruft nach Kind B
Kind A: Philip! Phiiilip!
Kind B: (im off, genervt) Ja-a?
Kind A: Komm doch mal her!
Auftritt Kind B
Kind B: Was ist denn?
Kind A: geht mit ihm zu den Blumen Schau mal.
Kind B: Blumen? Na und? Pause Die waren gestern schon da.
Kind A: Sie sind voll schön.
Kind B: Naja, Blumen halt.
Kind A: Weißt du, wo Mama sie herhat?
Kind B: Die sind von Mama?
Kind A: Du weißt also nicht, wo sie sie herhat?
Kind B: Von Papa?
Kind A: Nö, Papa hat sie ihr nicht geschenkt.
Kind B: Und?
Kind A: Er hat mich gefragt, ob wir wissen, wo Mama sie herhat.
Kind B: Vielleicht von der Arbeit.
Kind A: Keine Ahnung. Ist ja auch egal.
Kind B: Wir könnten sie fragen.
Kind A: bestimmend Nein. genervt Soll er sie doch selber fragen!
(beide gehen ab)
SZENE 5
Zwei Kinder A B, Geschwister, in ihrem Zimmer, Kind A sitzt herum (liest, spielt Handy o.Ä.)
Auftritt Kind B
Kind A: schaut kurz auf, beschäftigt sich weiter
Kind B: setzt sich ebenfalls hin
Schweigen
Kind B: betreten Mama hat sich wieder eingesperrt.
Kind A: Oje.
Kind B: Diesmal oben. Pause. Sie telefoniert.
Kind A: macht große Augen Das ist neu. Mit wem?
Kind B: Keine Ahnung. Ich hab versucht zu lauschen, aber es hat nicht funktioniert. Sie hat so nervös geklungen, dass ich Angst bekommen habe. Und verstehen konnte ich sowieso nichts.
Kind A: Und Papa?
Kind B: Der starrt den Fernseher an. Ich glaube nicht, dass er wirklich fernsieht. Es läuft Autorennen. Und Papa HASST Autorennen.
Kind A: Hm. Schweigt betreten
Stille.
Kind B: vorsichtig Glaubst du, sie mögen sich nicht mehr?
Kind A: energisch Blödsinn! Sicher mögen sie sich.
Kind B: traurig Sicher?
Kind A: Sicher! beruhigend Sie streiten ja nicht mal miteinander.
Kind B: traurig, wütend Sie können gar nicht streiten! Dafür müssten sie zuerst mal miteinander reden.
Kind A: Das stimmt. nimmt Kind B tröstend in den Arm, sanft, beruhigend Aber hey … Ich bin mir sicher, dass sie sich noch mögen. Mach dir keine Sorgen.
Kind B: schnieft
Kind A: Weißt du was, wir warten jetzt bis Mama fertig telefoniert hat und dann reden wir mit ihr.
Kind B: Und was genau sagen wir?
Kind A: Ganz einfach: Dass sie mit Papa reden soll.
Kind B: Wenn du meinst….
(beide gehen ab)
SZENE 6
Zwei Kinder A B, Geschwister, Mama der beiden
Auftritt Mama, ihr Telefonat ist vorbei, sie wirkt erleichtert, beschwingt
Kind A und B haben versteckt (vlt in einem Nebenraum oder hinter einem Möbelstück) gewartet, bis sie aus dem Raum kommt, gehen jetzt zu ihr
Kind A: Mama!
Kind B: Mama, du musst uns helfen.
Kind A: Bitte.
Mama: gut gelaunt Ja hallo ihr zwei. Was ist denn los?
Kind B: Wir brauchen deine Hilfe.
Mama: Bei was denn?
Kind B: Sag zuerst, dass du uns hilfst.
Mama: Um was geht es denn?
Kind A: Bitte Mama. Es ist nichts Schlimmes, versprochen. Aber sag zuerst
Kind A und B: dass du uns hilfst.
Mama: Na gut. Was ist denn nun?
Schweigen. Kind B stupst A an, dass es reden soll, Kind A schaut grimmig zurück
Kind A: Ähm, also … holt tief Luft Wir machen uns Sorgen.
Kind B: Um Papa.
Kind A: Ja, Sorgen um Papa. Seit ein paar Tagen ist er echt komisch drauf.
Kind B: Aber du bist auch komisch drauf, Mama.
Mama hört aufmerksam zu, versucht die Fürsorgliche zu spielen und sich nichts anmerken zu lassen
Kind A: Normalerweise singt Papa beim Abwasch immer schief, aber heute war er still.
Kind B: Und gestern auch.
Kind A: Und normalerweise fragt ihr uns beide, wie es in der Schule war. Das hat heute auch niemand gemacht. Normalerweise schimpft ihr uns, wenn wir am Nachmittag zu lange im Garten sind, normalerweise schauen wir abends alle gemeinsam die Nachrichten, …
Kind B: Und normalerweise reden du und Papa miteinander.
Mama verschränkt abwehrend die Arme
Kind A: Papa schaut echt traurig aus, Mama. Er sitzt ganz allein im Wohnzimmer und starrt vor sich hin. Kannst du nicht mit ihm reden und ihn trösten?
Kind B: Bitte.
Mama: murmelt Ich soll ihn trösten. Zu den Kindern: Kommt her, ihr zwei. Umarmt beide. Danke dass ihr so gut auf Papa schaut. Er kann echt froh sein, dass er euch hat. Pause. Und ihr habt recht: Die letzten Tage waren echt komisch. Es tut mir leid. Pause. Ich verspreche euch, es wird nicht mehr lange so sein. Es wird sich bald ändern. Und ich werde morgen mit Papa reden. Kinder sind überrascht, dass sie nicht sauer ist. Freuen sich.
Kind A Super! Danke.
Kind B: Danke! Du bist die Beste.
Gehen ab. Mama bleibt zurück.
Mama hört auf zu lächeln, sobald die Kinder weg sind. Fällt in sich zusammen, fährt sich mit einer Hand über das Gesicht.
Mama: sarkastisch Na toll! verbittert Das hast du toll hinbekommen, Selina.
Spürbar ängstlich. Morgen. Morgen darf ich es ihm sagen.
(Mama geht ab)
SZENE 7
Beide Kinder A B, Geschwister, in ihrem Zimmer, sitzen traurig und betreten herum
Kind B: Wir hätten gestern nichts sagen sollen.
Kind A: Vielleicht.
Kind B: Es ist nie gut, sich einzumischen – das hat unsere Lehrerin gesagt.
Kind A: Wenigstens haben sie miteinander geredet.
Kind B: Ja und so schlimm gestritten, dass wir es sogar im Garten gehört haben.
Kind A: Früher oder später hätten sie so und anders geredet.
Kind B: Und gestritten?
Kind A: Keine Ahnung.
Kind B: Mama ist einfach weggefahren.
Kind A: bemüht optimistisch Die kommt schon wieder.
Kind B: Und dann?
Kind A: Wir werden sehen. aufmunternd Aber Mama hat versprochen, dass es bald wieder wie früher wird.
Kind B: trotzig Das hat sie nicht. Sie hat nur versprochen, dass es nicht mehr komisch wird.
Kind A: Nicht mehr komisch klingt doch gut, oder?
Kind B: Ja, schon … glaube ich.
Kind A: Eben.
Kind B: Pause. Warum streiten Eltern überhaupt?
Kind A: Keine Ahnung. Wahrscheinlich ist es normal.
Kind B: trotzig Ist es nicht.
Kind A: Doch, bestimmt.
Kind B: Nein. Wetten?
Kind A: Wie willst du herausfinden, wer recht hat?
Kind B: Ähm … Wir fragen Alexa!
Kind A: Von mir aus. Und um was wetten wir?
Kind B: Wenn ich recht habe, mischen wir uns nicht mehr ein.
Kind A: Von mir aus.
Kind B: Alexa! Ist es normal, dass Eltern streiten?
Alexa: Es tut mir leid, es fällt mir schwer, Sie zu verstehen
Kind B: lauter, deutlicher Alexa, warum streiten unsere Eltern?
Alexa: Es ist mir nicht möglich, diese Frage zu beantworten.
Kind B: Alexa!
Kind A: unterbricht, ungeduldig Ach, so kommen wir nicht weiter!
Kind B: Dann schauen wir eben selbst nach.
Beide holen ihre Handys raus, googlen.
Kind A: triumphierend Hier steht, es ist normal, dass Eltern hin und wieder streiten. Ich bin bei „Rat auf Draht“, die müssen sowas ja wissen.
Kind B: Ja. betont „Hin und wieder“. Ich bin auch bei „Rat auf Draht“ und die sagen, wenn sie nur noch streiten, ist das nicht normal.
Kind A: Sie streiten ja nicht „nur noch“.
Kind B: Aber mehr als „Hin und wieder“.
Stille, beide googlen
Kind B: Traurig. Hier steht, dass sie sich vielleicht trennen.
Kind A: Ach Quatsch! Zeig mal. Liest. Ja, dass sie sich trennen, weil einer eine Affäre hat.
Kind B: Was ist eine Affäre?
Kind A: Nichts, was unsere Eltern machen würden.
Beide googlen weiter
Kind A: Also hier steht auch noch mal, dass Streit normal ist. Schau!
Kind B: erschrocken, traurig Was ist, wenn Mama doch eine Affäre hat?
Kind A: irritiert Wie kommst du jetzt darauf?!
Kind B: Na, weil sie so komisch ist. Manchmal glücklich, manchmal traurig, manchmal wütend. Und da steht deutlich was von Gefühlsausbrüchen und verändertem
Verhalten …
Kind A: schaut sehr skeptisch
Kind B: Und, weil Papa so traurig ist. Sie hat bestimmt einen Verehrer!
Kind A: fällt was ein, erschrocken Scheiße! Das kann nicht sein! Sie hat ja SOGAR Blumen bekommen.
Kind B: Eben! Triumphierend zuerst, weil es recht hat, dann erschrocken, schockiert Scheiße!
(beide gehen ab)
SZENE 8
Alle, im Wohnzimmer, Papa sitzt auf der Couch, wartet auf Mama, schuldbewusst, Mama sperrt
Haustür auf, beide Kinder stürmen in den Raum
Auftritt Mama; sobald sie da ist, stürmen die Kinder zu ihr, stellen sich ihr den Weg
Kind A: wütend Mama!
Kind B: wütend Mama!
Mama bleibt bei der Tür stehen, legt achtlos Jacke und Autoschlüssel ab, schaut von den wütenden Kindern zu ihrem schuldbewussten Mann
Mama: zu den Kindern: Lasst mich doch mal in Ruhe heimkommen, bitte! Geht um sie herum in Richtung Couch, die Kinder laufen ihr nach, stellen sich wieder vor sie
Mama: bemüht ruhig Was ist denn?
Kind A: hält es nicht mehr aus, verschränkt die Arme Du hast eine Affäre, stimmts!?
Mama: fassunglos Was?! Schaut Papa an Das ist nicht dein Ernst oder?!
Papa: fassungslos, will etwas sagen, wird unterbrochen
Mama: Also, das lass ich mir nicht bieten!
Papa: fassungslos, hebt die Arme Ich hab ihnen nichts gesagt!
Mama: sarkastisch Ja genau! Dass sie von selbst auf diese Anschuldigung kommen, genau, das glaubst du wohl selbst nicht!
Papa: Doch, ich meine das… wird unterbrochen
Mama: Ich hätte mir denken können, dass du sie sofort auf deine Seite ziehst, sobald ich aus dem Haus bin! Aber, dass DU sie dann mit deiner dämlichen Anschuldigung zu MIR schickst?!
Kind A: zaghaft Mama…
Mama: geht wütend Richtung Tür Ernsthaft Peter, ich hätte mir mehr erwartet.
Papa: Selina, ich… wird unterbrochen
Mama: Du bist nicht mal in der Lage, mir zuzuhören, aber dass du unsere Kinder da mitreinziehst…
Papa: Selina, bitte, lass mich ausreden.
Mama: Nein, du hast die Kinder mitreingezogen, anstatt mit mir zu sprechen. Ich wollte sie zumindest raushalten, bis wir es geklärt haben und jetzt…
Kind A: zaghaft Mama…
Mama: Und jetzt beschuldigen sie mich einer Affäre?! Sie steht traurig und fassungslos bei der Tür; schaut Peter an. Was ist nur in dich gefahren?!
Papa: stammelt Ich… wird von Kind A unterbrochen
Kind A: Mama…
Mama: seufzt, beachtet die Kinder endlich, Was denn?
Kind B: Papa hat uns gar nichts erzählt, ehrlich.
Mama: Ach, das glaubt ihr wohl selbst nicht.
Kind A: vorwurfsvoll Doch! Und ihr redet, als wären wir beide nicht hier, das ist total blöd!
Papa: geht zu den Kindern, besänftigend: Stimmt. Das war nicht sehr nett von uns.
Kind A: Schon seit Tagen seid ihr beim Streiten und uns vergesst ihr einfach!
Kind B: Ja! Das ist schecklich.
Mama geht zögernd zu Peter und den Kindern, hat ein schlechtes Gewissen
Kind B: vorsichtig Aber hast du jetzt eine Affäre, Mama?
Mama: sprachlos, sucht nach Worten …
Papa: streng Nein. Nein, das hat sie nicht.
Mama: schaut ungläubig Papa an
Kind A: Hat sie nicht?
Papa: Nein, Mama hat keine Affäre.
Kind A: Sicher?
Mama: berührt Ganz sicher.
Papa: Es tut mir leid, Selina. Ich hätte dich ausreden lassen sollen.
Mama: stur, hat Tränen in den Augen Ja, das hättest du. Pause. Versöhnlich: Mir tut es auch leid. Ich hätte von Anfang an mit euch allen sprechen sollen.
Kind A: Worüber denn?
Mama: holt tief Luft, stellt sich ihrer Angst Das erzähle ich euch jetzt. Aber zuerst setzen wir uns hin. Lotst alle zur Couch
Alle sitzen, Mama steht, nervös
Mama: Puh… Also… schaut Peter in die Augen Es gibt da so eine besondere Ausbildung… zur Naturheilpraktikerin. Peter, du weißt, ich interessiere mich seit Jahren dafür. Und nun, da es sich beruflich endlich ausgehen würde, habe ich mich endlich beworben. Es gibt nur sehr wenige Plätze, daher habe ich fast niemandem davon erzählt. Ich hatte ehrlich gesagt nicht damit gerechnet, dass ich aufgenommen werde… vor allem nicht beim ersten Mal…
Kind A: unterbricht Aber sie haben dich genommen?
Mama: Ja. Sichtbar erfreut. Ja, das haben sie. Die Angst kehrt zurück. Aber… die Ausbildung ist in der Schweiz.
Kind B: entsetzt In der Schweiz?!
Mama: Ja. Genau. Ich wäre also an Wochenenden und manchmal auch unter der Woche nicht da. Und du schaut Peter an müsstest unterdessen alles allein schaukeln… Darum habe ich auch bis jetzt nichts gesagt… ich war mir nicht sicher, ob ich euch das zumuten will. Und ob ihr okay damit seid…
Papa: Ach Selina… steht auf, umarmt sie. Und das ist alles?!
Mama: schnieft Ja.
Papa: erleichtert Und ich hab mir schon mega Sorgen gemacht.
Mama: Es tut mir leid. Ich hatte einfach Angst und…
Papa: Ist ja schon gut.
Kind A und B stehen auf, schließen sich der Umarmung an
Mama: An die Kinder gewandt: Aber eines würde ich schon noch gerne wissen: Wie seid ihr jetzt wirklich auf die Idee mit der Affäre gekommen?
Kind A: Wir haben im Internet nachgesehen.
Mama: Oh… dann muss ich mich aber echt dämlich verhalten haben.
Kind B: verschmitzt Vielleicht.
Kind A: Aber das Verdächtige waren die Blumen.
Mama: ungläubig Die Blumen?!
Kind A und B: Ja.
Mama: lacht Die hat mir Elisabeth vorbeigebracht. Als Glückwunsch dafür, dass ich mich beworben habe. „Hab eine wunderschöne Ausbildung“, stand auf dem Brief dazu, dabei war zu dem Zeitpunkt noch gar nicht sicher, ob ich den Ausbildungsplatz bekomme… Aber sie hat von Anfang an an mich geglaubt.
Papa: liebevoll Das hätten wir auch.
Kind A und B: Ja klar!
Mama: Stimmt. Tut mir leid.
Papa: Schon in Ordnung.
Mama: Heißt das?
Papa: Natürlich! Geh und mach deine Ausbildung. Legt den Kindern je eine Hand auf die Schultern Wir halten dir hier den Rücken frei.
Mama: gerührt Ihr seid die Besten!
Philotekt, ein tragischer Monolog - Lukas Egger
Philoktet, der Heros. Nicht zu beneiden ist er. Er lahmt. Eigentlich kann er gar nicht mehr gehen. Ein Fuß ist kaputt. Die Schmerzen sind höllisch. Und, was schlimmer als die Schmerzen sind: er ist allein. Ach so mutterseelenallein. Er schleppt sich herum, rollend und windend, er zieht und stemmt sich mithilfe seiner Arme und seines gesunden Beines auf und schleppt sich voran. Hunger und Durst ist er imstande zu stillen, auch in diesem Zustand. Aber die Einsamkeit, die verdammte Einsamkeit… Für Gesellschaft bräuchte er zwei gesunde Füße … um fortzukommen von hier … von hier, diesem … diesem … Loch, diesem Pfuhl, diesem einsamsten Ort der Welt. Aber er hat keine zwei gesunden Füße, nur einen … und einen kranken. An dem schwärt seit damals die fatale Wunde, aus der unaufhörlich Eiter quillt und aus der unaufhörlich ein bestialischer Gestank aufsteigt. Sie will und will nicht heilen, die besten Ärzte haben es damals nicht geschafft, auch nicht die heilkräftigsten Kräuter und schon gar keine Gebete an welchen Gott auch immer. Diese verdammten Götter…sollen doch zur Hölle fahren…wenn sie denn überhaupt existieren. Habe ich nicht mein ganzes Leben lang gottesfürchtig gelebt? Habe ich nicht die Rituale immer exakt ausgeführt, die Regeln minutiös befolgt? Warum strafen sie mich? Warum zerstörten sie mein Leben? Aus dem Nichts! Mit der Zerstörung meines Fußes! Tot! Tot möchte ich sein … besser als hier mit diesem verdammten Fuß dahinzuvegetieren … was bleibt mir denn in diesem kümmerlichen Leben? … mit diesem verdammten Fuß! Kriechen wie ein Wurm…fressen, was ich am Boden finde…trinken, was sich in dreckigen Pfützen sammelt…und dieser Gestank, dieser unerträgliche Gestank…und die Schmerzen, diese verdammten Schmerzen…! Konnten sie mich nicht einfach töten… ? Er, der Donnerer, der Herrscher der Himmlischen … mit dem Blitz … oder er, der mächtige Atreide, der Gebieter der Irdischen … indem er mich über Bord werfen ließ? Warum DAS? Warum ICH? … Jetzt liege ich da. Warte auf den Tod … der Geist will sterben, aber der Lebenswille des Körpers ist noch zu stark, ich kann gar nicht anders als zu trinken und zu essen, mein Körper ist noch zu kräftig und handelt wie von selbst, um sich das Nötige zuzuführen. Mein Geist hofft jedes Mal … bei jedem Schluck, bei jedem Bissen … dass er etwas erwischt …. etwas erwischt, das uns tötet … etwas Giftiges … etwas, das den Willen des Körpers bricht und ihm das weitere Suchen nach Fraß und Trank verunmöglicht oder verdrießt. Natur!! Hol dir endlich unser Leben … mein Leben, indem du meinen Körper zerstörst … mein Geist ist bereits zerstört, den haben Götter und Menschen bereits zerstört. Erledige den Rest! Beende mein kümmerliches Leben! Nimm es dir, es liegt da … ohne Gegenwehr… He! Wer kommt da? Wo ist meine verdammte Waffe? He! Du! Ich höre dich! Zeig dich! Oder besser noch: Verschwinde! Geh weg! Geh, wie du gekommen bist! He! Wer bist du?! He! Du! Ich höre dich doch … wie du da herumschleichst! Komm raus! Zeig dich! Wer bist du?! He! Ich seh‘ dich! Komm her! Komm her, bitte! Ich tu dir auch nichts! Ich kann dir nichts tun! He! Ich sehe dich… Da ist er ja, der düstere Gast! Wer bist du? Sag! Wer bist du?! Was machst du hier?! …machst du hier an diesem gottverlassenen Ort?! Siehst aus wie einer von den Unseren! Oh, kenn ich dich sogar? Zeig dein Gesicht! Na klar, du bist doch … auch wenn es Ewigkeiten her ist … Ich kenn dich…Neoptolemos!…du bist’s! Verschwinde! Verschwinde! Geh zurück zu den ande… Bleib stehen! Sofort! Komm nicht näher! Verschwinde! Ich erschieß dich, wenn du nicht sofort…du weißt, wie tödlich meine Waffe ist! Du weißt, wessen Gift! Verschwin…Was? Was? Nein! Hau ab! Verschwinde…Was? Was willst du von mir?! ……….. Ihr braucht mich? Hahahahaaa! Wer sollte mich brauchen? …und wozu? Ich brauche mich ja nicht mal selbst! Hau ab! Verschwinde! Was? Hahahahahaaa…. Ihr braucht mich sagst du? Wozu denn? Hahahahaaaa … was? Ihr seid immer noch im Krieg?! Die ganze Zeit …. Hahahahahaaa … Was? … und ein Orakel?! Ein Orakel hat euch gesagt … Hahahahaaaa!!! Scheiß auf die Götter, Neoptolemos! Scheiß auf dich, Neoptolemos und Scheiß auf Agamemnon, scheiß auf Odysseus, diesen verräterischen, verlogenenen Scheißkerl … scheiß auf die ganze verlogene Armee, scheiß auf den Krieg, geht heim, vergesst es, vergesst mich! Warum schicken sie überhaupt dich? Sag mir sofort, warum du kommst und nicht Agamemnon oder Odysseus! Sind sie tot hoffentlich, erstickt an ihren eigenen Lügen?! An ihren Lügen, mit denen sie mich … Trauen sich die feinen Herren nicht? Konnten sie meinen Anblick nicht ertragen? Fürchteten sie sich gar vor mir? … tot werden sie wohl nicht sein … Anführer-Arschlöcher sterben nie in Kriegen … können sich’s immer richten … schicken die kleinen Fische vor … glauben sie, ich hätte sie, wenn einer von ihnen gekommen wäre, sofort erschossen … recht haben sie …ich hätte… Warum haben…! Halt’s Maul! … warum haben sich dich geschickt! Haben sie dich geschickt, weil ich dich … ja, ich mochte dich … aber du hast auch nichts gesagt, als sie mich damals … hast dich auch nicht gegen sie gestellt … du hast wahrscheinlich auch gesagt … ? Glauben sie, dass du mich eher überzeugen könntest?! Hahahahaaa … Weil ich dich am wenigsten hasse … Glauben sie, dass ich mit dir Mitleid hätte?! Weil du jung bist … Hahahahaaa! Da haben sie sich getäuscht! Kannst du ihnen ausrichten … Du kannst genauso verrecken wie der Rest … ihr seid alle Lügner und Verräter! Du bist mir genauso egal wie alle anderen … genauso egal wie ich mir selbst! Verschwinde … lass mich sterben. Verschwinde! Verschwinde endlich! Geh weg .. nein, nicht setzen! Geh weg von mir … Hahahahaaa … ja da verziehst du das Gesicht, was? Riechst die Pestgerüche meines schwärenden Fußes … hahahahahaaa …schau mal her! Hahahahaaa … nicht schön anzuschauen, was? Drüben im Krieg ist’s wohl schöner … dort duftet’s wohl im Vergleich zu meiner Gegenwart … hahahahaaa … und s’gibt wohl keine so hässlichen Wunden … nicht mal halb so hässliche, hm? Hahahahaaaa. Ein bisschen Schädelspalten, Brust durchbohren, Gliedmaßen abtrennen ist wohl nichts gegen das hier! Hahahahaaa … schau nur hin! Schau genau hin … Hahahahaaa … was wendest du den Blick ab! He, Neoptolemos! Ich habe mich schon lange mit niemandem mehr unterhalten. Glaub mir, tut gut mit jemandem zu reden … Glauben sie wirklich, dass ich mit dir mitkomme? Wenn sie mich brauchen … wenn ihr mich braucht, hättet ihr mich damals nicht zurücklassen sollen! Jetzt habt … WAS? NEIN! Halt’s Maul! Nein! Ihr habt mich ausgesetzt …! Ja, genau! … weil ihr mich nicht mehr ansehen wolltet, nicht mehr hören wolltet, nicht mehr riechen wolltet! Was? KONNTET?! Ihr KONNTET nicht mehr?! NEIN! Nein! Ihr wolltet nicht mehr! Ihr hättet mich noch … wie lange ist das jetzt eigentlich her? 8,9 … 10 Jahre?! … ihr hättet also noch 10 weitere Jahre meinen Anblick, meine Schreie und meinen Gestank ertragen können … aber ihr wolltet nicht! NEIN! Ihr wolltet nicht! Was glaubtet ihr, erwartet euch dort vor Troia? Hübsche Damen, Harfenklänge, Rosenduft? Hahahahahaaa … ihr wusstet, dass ihr geradewegs in hässliche Wunden, markerschütterndes Schmerzensgebrüll und widerwärtigen Eitergestank fuhrt … Aber MICH konntet ihr nicht ertragen, MICH nicht. Hunderte, Tausende schreiende, stinkende Krüppel vor Troia glaubtet ihr ertragen zu können, aber auf eurem Schiff war EINER zu viel?! , … war ICH zu viel!?! Was? Agamemnon wollte die Unternehmung nicht gefährden! Hahahahaaa … das haben sie mir damals gesagt, ja. Was hätte es denn gefährdet? Eure Gesundheit? Nein! Was dann Neoptolemos? Die Moral!? Die Moral der Truppe … was für eine Moral, Neoptolemos?! Wie soll eine Wunde, ein Verletzter die Moral von Soldaten zerstören?! Von Soldaten … Leuten, die auf der Fahrt in ein Gemetzel und Blutbad waren! Deren Moral?! …wollte er wegen einer Wunde nicht gefährden?! Glaubst du selber, was du da sagst, Neoptolemos? Wenn das das wirkliche Problem war … wenn eine einzelne Wunde, ein einzelner Verletzter wirklich die Moral zersetzt hätte … wie lange glaubst du, hätte eure ach so wichtige Moral im Kampf überlebt?! Wie lange dauert es, bis es im Krieg den ersten Verletzten, den ersten Schmerzensschrei, die erste Wunde, das erste Blut gibt?! Und so was glaubst du?! Ihr wolltet MICH nicht ertragen, ihr wolltet eure Ruhe auf dem Schiff, ihr wolltet keine sinnlose Last mit euch mitführen … ja, DAS war ich für euch, sinnloser Ballast … dass ich nicht mehr kämpfen würde können, war ja offensichtlich, nachdem diese Scheißwunde nicht heilen wollte, nachdem die Scheißgötter mir ihre Gunst versagten … einer, der nicht kämpft und nur frisst … so was braucht man nicht … sowas brauchtet ihr … sowas brauchte Agamemnon nicht … und wenn er bloß nur gefressen hätte … aber er musste ja auch noch schreien und bestialisch stinken. Ihr wolltet mich nicht mehr! Den Einen kann man ja opfern … der Eine soll nicht das große Ganze gefährden … Scheiß auf den einen! … setzen wir ihn aus … wird ohnehin bald sterben … hättet ihr mir bloß den Gnadenschuss gegeben … aber dafür wart ihr zu feige … Tausende, die nicht sterben wollten, habt ihr getötet, den EINEN, der sterben wollte … der euch gebeten hat, sterben zu dürfen, konntet ihr nicht töten … wolltet ihr nicht töten. Was?! Die Götter erzürnen …?! Glaubst du, mich auszusetzen, hätte die Götter nicht genauso erzürnen können … ach scheiß auf die Götter! MENSCHLICHKEIT, Neoptolemos hätte ich gebraucht, MENSCHLICHKEIT … nicht göttliche Gnade. Die Natur hat mich im Stich gelassen … mein Körper, der nicht heilen und nicht sterben will … die Götter haben mich im Stich gelassen … sie hätten es in der Hand, mich zu heilen oder zu töten … die Menschen haben mich im Stich gelassen … ihr … du … ja auch du, Neoptolemos. Weil … weil ihr meiner überdrüssig geworden seid. Weil ich mich nicht mehr sehen, hören, riechen wolltet! ICH … ich aber musste mich ständig sehen … meinen siechenden Fuß … musste mich ständig hören und riechen … ja, musste auch die Schmerzen ertragen … Schmerzen, die schlimmer sind als du dir vorstellen kannst, Neoptolemos … schlimmer als das Aussehen der Wunde und ihres Gestanks, schlimmer als mein Geschrei sind die Schmerzen! Mit denen ihr mich allein gelassen habt … zurück gelassen …! DIE musstet ihr nie ertragen, die Schmerzen … die waren nur für mich bestimmt. Ich konnte Schmerzen, Gestank und Geschrei nicht loswerden … nicht einfach aussetzen … ich nicht … aber Ihr konntet es … und ihr habt es getan! Hahahahahaaa! Und jetzt braucht ihr mich … jetzt scheint euch eure Entscheidung von vor 10 Jahren plötzlich falsch … weil ihr mich braucht! Hahahahaaa! Habt ihr in den 10 Jahren irgendwann an mich gedacht? … hör auf zu lügen, Neoptolemos … niemand von euch hat an mich gedacht in der ganzen Zeit … bis das Orakel euch kund tat, dass ihr mich braucht … bis es meinen Namen erwähnte … konntet ihr euch überhaupt noch an mich erinnern?! Sagte euch der Name etwas? Odysseus, der Hund, wird ihn sich schon gemerkt haben … wird aber auch verdutzt gewesen sein, dass ich noch lebe … wird den Spruch der Götter wohl zuerst nicht geglaubt haben, als der plötzlich einen Philoktet erwähnte … und ER wusste wohl auch noch, wo ihr mich ausgesetzt habt … auf welcher gottverlassenen Insel. Und dass ihr MICH braucht … Hahahahahaa! … welch Ironie, Neoptolemos … welch bittersüße Ironie! Was ihr nun dringend braucht, um den Krieg gewinnen zu können, hattet ihr damals … aber ihr habt es einfach weggeworfen, MUSSTET es wegwerfen, um … Hahahaha! … um … um, die Unternehmung nicht zu gefährden. Hahahaha! … und nun habt ihr die ganze Unternehmung genau dadurch gefährdet … ja, genau dadurch in den Sand gesetzt … weil ihr mich weggeworfen habt. Die Götter haben Humor, Neoptolemos … nicht? Ihr glaubtet, meine Anwesenheit würde den Sieg gefährden … und nun habt ihr erkannt, dass meine Anwesenheit nicht nur keine Gefahr, sondern sogar der Schlüssel zum Sieg ist. Ach, Neoptolemos … ich muss mich korrigieren … die Götter sind wohl doch nicht so übel … sorgen für Gerechtigkeit … und bereiten mir noch einmal Freude. … sagst ja gar nichts mehr, Neoptolemos. Hast keine Hoffnung mehr, dass ich mit dir komme? Hast eingesehen, dass ich nie mit dir kommen würde … dass ich Spaß daran finde, dass ihr mich braucht und ich euch jetzt ins Gesicht spucken kann, indem … ja, indem ich gar nichts tue. Meine Rache, kurz vor meinem Tod … und kurz vor eurem Tod. … Nein Neoptolemos, ich will nicht mehr leben, mir bedeutet mein Tod nur Befreiung von Qualen … und euer Tod bedeutet mir nur Genugtuung. Ihr sollt alle verrecken, so wie ich hier verrecken werde … Ein Held? Ich wäre ein Held, wenn Troia fällt und ich der einzige Grund dafür wäre? Natürlich wäre ich das, natürlich wüsste ich das … und du … und Agamemnon und Odysseus … aber sonst …sonst wüsste es keiner. Agamemnon und Odysseus würden als die großen Städtebezwinger besungen werden … welcher Dichter, welcher Chronist sollte von mir Kunde erfahren … von mir, einfachem Soldaten? Nein, Neoptolemos, mit diesem Helden-Schwachsinn, wirst du mich nicht überzeugen können. Heldentum, von dem keiner weiß, ist kein Heldentum! Agamemnon und Odysseus wären die Helden, weil jeder von ihnen weiß, ihnen fiele das Heldentum automatisch zu … ich krepiere lieber hier als vor Troia oder ein paar Tage später am Schiff … ich krepiere lieber im Wissen, Agamemnon und Odysseus bleibt ihr Erfolg verwehrt … im Wissen, ich hätte der Held sein können. Und jetzt verschwinde, Neoptolemos. Lass mich allein, lass den Helden ohne Heldentum allein … Hahahaha! … welch Ironie …! Verschwinde … ich muss jetzt, was zu fressen finden … ich möchte noch eine Weile leben … ich möchte den Gedanken auskosten, dass ihr jetzt alle verreckt und … Hahaha! … und ich bin der Grund dafür. Auf Nimmerwiedersehen Neoptolemos … erzähl allen, wie viel Freude du mir gebracht hast … wie viel Freude es mir macht, zu wissen, dass ich euer aller Leben in Händen halte … und darauf SPUCKE! VERRECKT!! ALLE!!! IHR SOLLT ALLE VERRECKEN, HÖRST DU!?!? HÖRST DU, NEOPTOLEMOS!?!? … IHR SOLLT ALLE VERRECKEN UND ZUM TARTAROS FAHREN … UND EURE LEICHEN SOLLEN DIE HUNDE UND VÖGEL FRESSEN!! HÖRST DU!?!? … NEOPTOLEMOS!?!? … HÖRST DU MICH!?!? NEOPTOLEMOS!? … NEOPTOlemos!?? … Wo bist du? WO BIST DU!?!? NEOPTOLEMOS!?!? KOMM WIEDER HER!!!! HEE!!!! KOMM UND BLEIB BEI MIR!! BLEIB… BLEIB STEHEN…ICH BIN NICHT SO SCHNELL…ICH KANN NICHT GEHEN…NEOPTOLEMOS!!!! DU GEHST IN DEN SICHEREN TOD!!!! NEOPTOLEMOS!!!! ICH HELFE DIR…ICH HELFE EUCH!!! AUCH DEM ATREIDEN UND DEM LAERTES-SOHN, WENN ES SEIN MUSS!!!! NIMM MICH MIT…NIMM MICH NUR MIT …WEG VON DIESEM EINSAMEN ORT…MIT DIR…MIT DIR WILL ICH KOMMEN…NEOPTOLEMOS!!!! ICH WILL WEG…WEG AUS DIESER EINSAMKEIT!!!! DIESE VERDAMMTE EINSAMKEIT…VERDammte Einsamkeit… diese verdammte Einsamkeit … verdammte Einsamkeit
Unschuld - Harald Klingler
Emine stand erwartungsvoll vor mir und strahlte mich von unten an. “Herr Campana, schauen Sie mal!”, sprach sie, senkte ihren Blick und strich mit ihrer Hand über das Muster auf der Brust ihres Shirts. Das Bild änderte sich auf wundersame Weise. Sie hatte es zu ihrem elften Geburtstag geschenkt bekommen und präsentierte es mir nun stolz vor der ersten Unterrichtsstunde. Sie blickte wieder auf und ihr Gesicht strahlte etwas Überwältigendes, von authentischer Freude, von richtigem Stolz aus.
“Wow”, lobte ich voller Bewunderung, “das ist aber ein geniales Shirt, wunderschön!” “Wollen Sie es auch mal probieren?”, fragte sie jetzt mit großen Augen. Sie fragte voller Unschuld, wirklich voller Unschuld! Wäre Naivität der bessere Begriff? Mit dem schwingt jedoch eine Nuance von Dummheit mit, doch dumm war Emine nicht. Sie war einfach nur unverdorben.
Ich steckte in der Zwickmühle. “Äääh, nein, vielen Dank, Emine, das kann ich nicht tun. Streich doch du nochmals darüber und zeig mir das schöne andere Bild”, ermutigte ich sie. “Gefällt Ihnen das Shirt nicht, dass Sie nicht darüber streichen wollen?”, hakte die Elfjährige nach. Es arbeitete fieberhaft in meinem Gehirn. Wie kann ich einem derart unschuldigen Wesen wie ihr erklären, dass ich als Lehrer nicht über ihr Shirt streichen darf, und das auch nicht will?
Emine wird mein Zögern und ihre Zurückweisung wohl genauso wenig verstanden haben, wie es mir damals mit meiner Mutter ging. Ich war als Knirps im elterlichen Schlafzimmer allein auf Entdeckungsreise und fand zu meiner Freude einen Luftballon unter dem Bett. Irritierend war nur, dass er keine bunte Farbe hatte, wie ich sie sonst vom Sportgeschäft oder der Bank kannte, wo man die Werbe-Ballons auf einem dünnen Metallstängelchen mitnehmen durfte, und damit prima seine Geschwister necken konnte. Auch die Form war etwas anders, doch konnte ich das längliche Ding gut aufpusten, es schmeckte und roch nur komisch. Als ich damit zu Mama in die Küche rannte, damit sie mir einen Knoten reinmachte, fiel ihr fast der Kochlöffel aus der Hand. Sie errötete wie eine überreife Tomate, riss mir meinen Ballon aus der Hand, schalt mich, knüllte ihn in ein Taschentuch und warf alles miteinander mit dem Wort “Grausig!” in den Mülleimer. Lange grübelte ich darüber nach, was ich wohl falsch gemacht haben mochte.
Heute weiß ich es natürlich, weil ich das Land der Unschuld schon lange verlassen habe. Unschuld, ein widerspenstiger Begriff beim genaueren Hinsehen, denn wo bin ich jetzt? Im Land der Schuld? Was ist meine Schuld? Zu wissen, dass mein Pipimax nicht nur zum Strullern taugt?
Die Unschuld verlieren meint dann wohl auch und nicht nur, dass man den Zustand der Unbefangenheit verlassen hat und nun Dinge sieht und tut, die einem vorher verborgen waren. Das kann gut und schlecht zugleich sein …
Wir bedanken uns bei allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern und freuen uns auf die Premiere am 19. April von „Zum Teufel nochmal…“




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